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Zum aktuellen und allerletztem Longplayer mit dem Titel Jenseits von Gut und Böse (Review hier) der Berliner Truppe Terrorgruppe gibt es hier ein Interview. Es werden das Album, Corona, Autismus, ADHS und einiges anderes thematisiert. Und ich werde – zumindest nach jetzigem Stand – entlarvt, dass ich gar nicht mehr festmachen kann, warum ich eine Frage so gestellt habe, wie geschehen. Ja, das passiert ab und an. Trotzdem ist die Antwort darauf interessant. Viel Spaß aber nun beim wahrscheinlich letzten Album mit und zu der Terrorgruppe.

© Philipp Virus - Terrorgruppe

© Philipp Virus – Terrorgruppe

Am 26. Juni 2020 ist euer (angeblich) letztes Album Jenseits von Gut und Böse erschienen. Es trägt auch den anderen Namen Das lila Album. Wieso dieser Titel und wieso diesen und überhaupt einen zweiten? Angelehnt an die Beatles mit dem weißen Album?

MC Motherfucker: Hallo erstmal, „Jenseits von Gut und Böse“ passt sehr gut zum inhaltlichen Querschnitt des Albums. Wir versuchen zu vermeiden, uns nicht zu offensichtlich auf der sogenannten „Guten“ Seite zu positionieren und finden oft Geschmack an der Faszination des Bösen. Die Farbe Lila kam zustande, weil wir uns diesmal schwer getan haben ein geeignetes Album-Artwork zu finden. Da kam die Idee zum Konzept „Aussen reine Verpackung, innen Kunst“. Klar, Alben einfach ein Farbe zu geben, das haben die Beatles erfunden, wurde aber seither von vielen Künstlern wie Metallica, Weezer oder auch hierzulande Tocotronic wieder aufgegriffen. Die Farbe Lila gab es noch nicht so oft.

Wieso habt ihr euch – erneut – entschieden die Terrorgruppe zu beenden? Vielleicht benötigt die Welt genau diese Art von (musikalischen/künstlerischen) Terror als Gegenpol?

MC: Sollte die Welt das brauchen, kann es auch jüngere Bands machen. Mir kommt das ganze Projekt langsam in allen Bereichen zu träge, aufwendig und zu schwierig vor. Früher hab ich mich einfach nur hingestellt Songs gemacht und sie gespielt. Jetzt muss ich mich dafür langwierig vorbereiten, mich in Form bringen um 2 Stunden auf der Bühne meine Gitarre halten zu können. Beim Songwriting ist es ähnlich aufwendig und von der Organisation der Band ganz zu schweigen, das hass ich am meisten. Die Terrorgruppe ist nicht zum Altern gedacht, mein Bauchgefühl sagt mir das gehört nicht zusammen.

Was würde euch zum Umdenken bewegen und wäre es eine Alternative nur als Studio-Band zu agieren? Dank Corona ist das ja gerade sowieso derartig.

MC: Wie ich schon sagte, es nervt in allen Bereichen. Ich hab einfach keine Lust mehr.

Apropos Corona. Wie geht ihr damit um? Was macht ihr als Alternative zu Live-Konzerten?

MC: Wie gehen wir mit Corona um? Wir versuchen uns nicht anzustecken. Ansonsten hat sich mein Leben kaum geändert, ausser dass ich diese entschleunigte Zeit doch sehr genieße. Wir haben ein Album rausgebracht und damit den Leuten Musik zum hören gegeben. Das muss erstmal reichen. Von den Streaming-, Autokino-Konzerten und anderen NOT-Konzepten halte ich nichts. Ich kann mir das selbst nicht ansehen, warum soll ich das dann machen? Die Sachen sind zu 100% mies produziert und bleiben ewig im Netz, so will ich mich und unsere Band nicht präsentieren. Ich finde da auch nichts Spannendes daran.

In dem Plastic Bomb Interview habt ihr sinngemäß gesagt, dass ihr keine Lust habt ihr irgendeinen JZ auf der Bühne umzukippen. Per Live-Stream würdet ihr dort umkippen, wo ihr wollt, oder?

MC. Kann man so sehen, ja. Aber der öffentliche Tod bei einer Streaming-Produktion, die ich zusätzlich abgrundtief verachte, wäre für mich ja noch viel schlimmer als vor vollem Konzerthaus, mit feiernden Punkern, tot umzufallen, haha.

© Terrorgruppe - Jenseits von Gut und Böse

© Terrorgruppe – Jenseits von Gut und Böse

Aufgefallen ist mir auch, dass die “nationalsozialistische Bullensau” gar nicht auf dem Album enthalten ist. Aber es gibt ein Video. Wieso diese Entscheidung?

MC. Ein kleiner, strategischer Move um der Executive und der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien den juristischen Zugriff auf das ganze Album zu verwehren und uns erstmal etwas Geld zu sparen.

Ihr verwendet in einem aktuellen Song “autistisch” und habt mal eine negative Aneinanderreihung von Adjektiven “kleinkarierten, autistischen, bornierten und dumm-spießigen Weltsicht” ((https://www.awayfromlife.com/terrorgruppe-im-interview/)) genutzt. Wieso ist das für euch ein weiteres negatives Adjektiv, dass diese Liste vervollständigt? Ich bin selbst einer – also, Autist – und sehe das ganze eher positiv und nicht negativ.

MC. Haha, Autisten haben mit sich selbst ja immer die wenigsten Probleme, wie sie allerdings mit ihrem Verhalten oft ihre nähere Umgebung stressen, merken sie ja auch wegen des Autismus nicht. (Anmerkung der Redaktion: Das ist eine Verallgemeinerung die so nicht immer zutreffend ist. Das trifft, wie alles auch, immer nur auf den jeweiligen Autisten zu; bei all den anderen ist es eine Möglichkeit, aber kein Muss. Kennt man einen Autisten, kennt man auch nur den einen.) Ich gebe an dieser Stelle offen zu, ich tu mir mit den meisten Autisten die ich kenne, wirklich schwer. Aber thematisiere das auch gar nicht in meinen Songs. Wo haste das denn her? Kann mich nicht erinnern auf dem ganzen Album einmal das Wort „autistisch“ zu singen? (Anmerkung der Redaktion: Rückwirkend bin ich mir auch nicht mehr sicher; vielleicht fand ich es einfach nur interessant… Ich melde mich, wenn es mir wieder einfällt…)
Das lustige an dem Interview ist ja, Johnny Bottrop, der das als negatives Adjektiv in dem Interview benutzt, ist selbst so ein Asperger-Vogel. Ich glaube er bezieht das Adjektiv aber rein auf die Weltsicht von biodeutschen Einwanderungs-Gegnern und meint damit nicht deren angeborene Verhaltensstörung sondern verkürzt die neurotische Fokussierung auf unwichtige Details mit der folgenden dramatisierenden Aufbauschung von Quatsch. Also nix gegen Autisten.

Und in diesem Zuge würde ich auch gerne den Song ADHS beleuchten. Wie ist dieser gemeint und wieso das Thema? (AD(H)S kann häufig ein Begleitdiagnose zum Autismus sein.)

MC: Na, ich hab ADHS. Also nicht wirklich, aber das hat mal so ein Rezensent unseres Live-Albums „Superblechdose“ in einer fundierten Ferndiagnose behauptet. Darum dieses völlig klischeehafte und jeglicher Fachexpertise entbehrenden Liedes. Er wusste nämlich nicht, dass ich auf Koks und Amphetamine steil gehe wie eine brennende Katze. ADHSler hingehen werden auf diesen aufputschenden Substanzen eher müde und fokussiert.

Was ist euch noch wichtig, dass die Leserschaft zu und über Jenseits von Gut und Böse erfahren sollte?

MC: Jeder Künstler wünscht sich ja, dass die Hörerschaft sein neues Werk interessiert und aufsaugt und sich ausreichend Zeit nimmt um sich mit Musik, Inhalten und Booklet konzentriert zu beschäftigen. Das ist Unsinn. Wenn es euch nicht gefällt – verschenkt es oder werft es in die Tonne. Sollte es euch gefallen – versucht dazu zu vögeln, das würde mich so unfassbar glücklich machen.

Was können eure Fans erwarten in Zeiten von Corona und was ist mit dem danach? Was habt ihr vor nach dem letzten Album, der letzten Tour? Ist das ein harter Schlussstrich und gibt es vereinzelte Gigs, Single-Releases et cetera? Danke fürs Interview.

MC: Wir hoffen natürlich, dass unsere Tournee im November wie geplant und unter normalen Bedingungen stattfindet. Die derzeitige Lockerungs-Frequenz der Sicherheitsmassnahmen lässt für Shows dieser Grössenordnung Bundesweit hoffen. Wir haben uns allerdings schon Ersatztermine im Frühjahr gesichert, die wir rechtzeitig aus dem Hut zaubern, sollte es dieses Jahr nichts mehr werden. Ab Mai 2021 wird es die Terrorgruppe dann allerdings ganz und gar nicht mehr geben, auch nicht ein Bisschen oder Manchmal, dann ist Feierabend.

Das Album gibt es im Terrorgruppe-Shop bei KrasserStoff.com

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