Sportfreunde Stiller – 23.08.2014 – Nordmole, Mainz

Das vorletzte Konzert ihrer Sommer-Open-Air-Tour brachte die Sportfreunde Stiller an den Mainzer Zollhafen. Mitte/Ende August, auf der Nordmole direkt am Rhein, begleitet von Blues Gitarrist Jesper Munk und Thees Uhlmann, sollte es ein lauschiges sommerliches Musik-Event unter freiem Himmel werden. Doch statt Sonnencreme hatten an diesem Samstag im August Regenponchos Hochkonjunktur. Pünktlich zum Einlass um 17:30 Uhr öffnete der Himmel seine Schleusen.

Irgendwie passte der erste Musiker des Abends in diese Szenerie. Der Münchner Jesper Munk spielte eine beeindruckende emotionale Kombination aus Blues, Folk und Soul. Man fühlte sich zurückversetzt in die Jahre von Little Walter, Etta James und Willie Dixon. Wenn man Munk singen und Gitarre spielen hört, geht man von einem altgedienten Musiker aus, der seine Stimme in jahrelanger Feinarbeit mit Whiskey und Tabak gefärbt hat. Umso größer die Überraschung, wenn man einen 22jährigen blonden jungen Kerl auf der Bühne stehen sieht, der optisch eher an den jungen David Bowie erinnert und im Mai letzten Jahres sein Debütalbum veröffentlich hat („For In My Way It Lies“). Irgendwie schaffte er es jedenfalls mit seiner rauchigen, melancholischen Stimme, den Regen zu vertreiben.

Als Thees Uhlmann und seine vierköpfige Band die Bühne betraten, ist es zwar immer noch kalt, aber wenigstens von oben trocken. Extrem gut gelaunt und sehr engagiert gingen die Fünf zu Werke. Gemeinsam rockte, hüpfte und tanzte man sich durch seine beiden Soloalben. In seiner gewohnt sympathischen Art wurde Uhlmann auch nicht müde, zwischen den Songs Geschichten zu erzählen. Der Frontmann der dauerpausierenden Hamburger Band Tomte – der sich selbst als Mischung aus Otto Waalkes und James Dean vorstellte und entgegen seiner Gewohnheit nicht Leder- sondern Jeansjacke trug – erklärte Mainz kurzerhand zu seiner Lieblingsstadt (irgendwas mit Fußball) und sich selbst zum Erfinder der Vokuhila-Frisur. In den Mitsing-Passagen feuert er das Publikum immer wieder als „Gefangenenchor Mainz“ an und bewies bei „Jay-Z singt uns ein Lied“, dass er hart an seiner Rap-Performance gearbeitet hat. Diese stand nämlich (ganz im Gegensatz zu der Live-Aufnahme auf der Bonus-CD seines aktuellen Albums) einem gewissen Casper in kaum noch etwas nach. Außer Puste, durchgeschwitzt und den Boden küssend (auf dem vor einem Monat noch Neil Young spielte) verließ Uhlmann sichtlich zufrieden nach 45 Minuten die Bühne. Und auch im Publikum konnte man sich des Eindrucks nicht erwehren, dass so mancher sein persönliches Highlight des Abends schon erlebt hatte.

In der kurzen Umbaupause wurde die Bühne dann komplett verhüllt. Als die ersten Klänge des aktuellen Albums „New York, Rio, Rosenheim“ in Form von Keyboard-Tröten erklangen, fiel der Vorhang und das Konzert der Sportfreunde Stiller begann mit „Hymne auf dich“. Sofort sprangen und hüpften zumindest die ersten Reihen und sangen jedes „Oh“ und „Ah“ mit. Die ebenfalls zahlreich anwesende Ü40-Fraktion brauchte etwas länger um (im wahrsten Sinne des Wortes) warm zu werden. „Der Titel vom nächsten Kapitel“ („La Bum“, 2007) und der Titelsong vom aktuellen Album boten ebenfalls viel Aufwärm- und Mitsingpotential.

„Knips die Sonne aus, alles muss dunkel sein“ galt dann auch für den Mainzer Zollhafen. Während der Regen wieder langsam einsetzte, bot die Bühne ein farbenfrohes Bild. Angelehnt an das Cover des letzten Albums lag der Bandname in überdimensional großen bunten Buchstaben auf der Bühne. Außerdem war jeder der drei Musiker von kleinen Kameras umgeben, deren Bild auf die großen LED-Wände am Bühnenhintergrund gespielt wurde. Immer wieder suchten Sänger und Gitarrist Peter Brugger, Bassist Rüdiger Linhof und Schlagzeuger Florian Weber die Nähe zum Publikum, reagierten auf Zwischenrufe, lobten laute Sänger und fleißige Tänzer. Sympathisch, authentisch und auf dem Boden geblieben. Dazu passte auch die herrlich-selbstironische Punk-Nummer „1. Wahl“ („Burli“, 2004), die 2014 mit dem Fußball-Song „’54, ’74, ’90, 2010“ kombiniert wurde. Der wurde aber schon im ersten Refrain unterbrochen („Da stimmt doch was nicht!“) und als „’54, ’74, ’90, 2014“ weiter gesungen. Auch wenn sich das zugegebenermaßen nicht so richtig reimen wollte.

Um nun auch wirklich die Letzten aus ihrer Regenwetter-Laune zu holen, folgten mit „Siehst du das genauso?“ („Burli“, 2004) und „Ein Kompliment“ („Die gute Seite“, 2002) zwei weitere Single-Hits. Spätestens da war es dann egal, wie und wo man überall nass war. Wer nicht mithüpfen wollte, der musste nun wirklich in die hinteren Reihen zurücktreten. Das Mainzer Publikum kam hier dann auch so richtig in Sing-Stimmung. Wie gefährlich das sein kann, unterschätzen die Sportfreunde wohl – es heißt schließlich nicht umsonst „Mainz, wie es singt und lacht“. Und wehe, wenn sie losgelassen. Von nun an wurde in den Pausen zwischen den Songs minutenlang der Karnevalsklassiker „Ui-Jui-Jui-Au-Au-Au …“ aus tausend Kehlen gesungen.

Gleichzeitig war „Ein Kompliment“ ein kleiner Abstecher in die frühen Jahre der Band. In seiner Ansage zu „Wunderbaren Jahren“ („So wie einst Real Madrid“, 2000) erinnerte Brugger sich daran, dass es diesen Song schon auf dem ersten Konzert der Sportfreunde vor 18 Jahren zu hören gab. Mit „Komm schon“ und „Wie lange sollen wir noch warten“ gab es weitere ältere Stücke zu hören. Überhaupt wurde es dann etwas besinnlich. Brugger selbst war ja derjenige, der den Fortbestand der Band im Jahr 2009 etwas in Frage stellte, eine Auszeit von Band und Musik brauchte und seine eigene Zukunft offen ließ. Die Sportfreunde Stiller sind erwachsen geworden und haben mehr denn je eine Message. Wunderbar zu hören bei „Wunder fragen nicht“. Brugger ermahnt – geradezu autobiografisch – daran immer positiv zu bleiben. Das Leben böte einem immer wieder neue und schöne Optionen – auch dann, wenn man sie am wenigsten erwartet. Wie zum Beweis hörte es während des Songs auf zu regnen und die Konfettikanonen vor der Bühne schossen – zum Abschluss des regulären Sets – kleine bunte Papiersterne in wolkenverhangenen Mainzer Nachthimmel.

Doch die Band ließ die „Ui-Jui-Jui-Au-Au-Au …“ singenden Mainzer nicht lange auf die Zugabe warten. Zurück auf der Bühne ging es besinnlich (und akustisch) weiter: „Festungen und Burgen“ – bei dem es um die Unfähigkeit geht, über seinen Schmerz zu sprechen, hätte es vor ein paar Jahren nicht von den Sportfreunden gegeben. Daran schließt sich „Lass mich nie mehr los“ an, welches extra für die 2009er Unplugged Show des Trios geschrieben wurde. Dann wurde es aber nochmal richtig laut und krawallig – „Ich, Roque“ stampfte aus den Boxen, Während aus dem Hals von Bruggers Flying-V-Gitarre Funken sprühten, durfte wieder gehüpft und getanzt werden, bevor nach „Fast wie von selbst“ ein weiteres Mal Schluss war.

Ein erneutes „Ui-Jui-Jui-Au-Au-Au …“ konnte die Band ein drittes Mal dazu bewegen, auf die Bühne zu kommen. Es gab noch das wunderbar verrockte Simon & Garfunkel Cover „Mrs. Robinson“ zu hören und ganz zum Schluss „Auf der guten Seite“. Davor erinnerte Linhof daran, sich gerade in diesen unsicheren Zeit öfter Gedanken zu machen, sich auszutauschen und sich klar zu machen, welches Glück wir haben in einem freien Europa zu leben. Applaus, Applaus! Erwachsen geworden.

Nach guten zwei Stunden Spielzeit und zwei Zugabenblöcken verabschiedeten sich die Sportfreunde Stiller aus Mainz. Nach einem weiteren Konzert in Bochum endet diese Tournee. Man darf gespannt sein, wie es weiter geht mit dieser Band. Auf Wiedersehen. Bitte!

Die Bilder der Show gibt es hier.

Setlist
Hymne auf Dich
Der Titel vom nächsten Kapitel
New York, Rio, Rosenheim
7 Tage, 7 Nächte
Let’s did it!
1. Wahl / ’54, ’74, ’90, 2006
Wieder kein Hit
Siehst du das genauso?
Ein Kompliment
Komm schon
Wunderbaren Jahren
Wie lange sollen wir noch warten?
Es muss was Wunderbares sein (von mir geliebt zu werden)
Applaus, Applaus
Wunder fragen nicht

Festungen & Burgen
Lass mich nie mehr los
Ich, Roque
Fast wie von selbst

Mrs. Robinson
Auf der guten Seite

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