Rock am Ring – Der Sonntag 04.06.17, Nürburgring

Foto: Peter Harbauer

Auf dem Festivalgelände ist eine Art Sonntagsruhe zu vernehmen, zu Beginn sind noch relativ wenige Festivalbesucher anwesend. Dabei geht es auch heute zunächst rockig los. Auf der größten Bühne erobert die Band Kaiser Franz Josef die Herzen der Besucher. Sie ist der Beweis dafür, dass es in Österreich nicht nur Pop- und Indiemusik gibt, sondern Österreich auch rocken kann. Sie klingen nicht nur weil sie auf Englisch singen, sondern auch wegen ihres Sounds sehr international und erinnern etwas an Bands wie Wolfmother. Das vollmundig klingende Album „Make Rock Great Again“ erscheint voraussichtlich am 30.06.17 und sei jetzt schon wärmstens ans Herz gelegt.

Foto: Kirsten Otto

Laut, ja fast eher wütend geht es auch auf der Crater Stage zu, denn da ist Frank Carter and the Rattlesnakes zugegen. Allerdings ist das neue Werk „Modern Ruin“ (VÖ: 01/2017) kein Hardcore-Punk Album mehr, sondern wandelt eher auf Indie-Pfaden.

Hart aber auch lustig weil selbstironisch wirkt das Duo Slaves im Anschluss. Mit Schlagzeug und Gitarre oder Bass bringen Slaves ihre Vorstellung von Punk den Besuchern von Rock am Ring rüber. Zwei von insgesamt drei Alben von Slaves erreichten in England die Top Ten, sie wissen also was sie tun.

Danach kommt ein deutscher Star auf die Crater Stage. Henning Wehland (Frontmann und Sänger der Crossover-Band H-BlockX, Mitglied bei den Söhnen Mannheims) wandelt inzwischen auf Solopfaden. Sein musikalisches Projekt tauft er Der Letzte an der Bar und es ist eine Mischung mit Wechselwirkung. Mal groovt es oder die beiden Rapper in der Band geben den Takt an. Danach wird es rockig aber auch soulig. Es wird deutlich, dass sich Henning Wehland in keine Schublade stecken lassen möchte. Das betont er auch in seinen Ansagen und äußert sich auch gesellschaftskritisch und politisch. Er stehe für die Freiheit ein. „Der alte Mann und das Leergut“ steht Pate dafür, dass es in Deutschland ökonomisch nicht gerecht zugeht insofern zeigt Henning Wehland hier Haltung. Die musikalische Freiheit, die er sich auf der Bühne gibt, ist bewundernswert. Wenn er jedoch so viele Genres und Facetten bedient, läuft er Gefahr, dass dem Publikum nicht alles zusagt.

Foto: Kirsten Otto

Im Anschluss folgen die Jungs von Feine Sahne Fischfilet. Die von der AFD als linksextrem eingestufte Band, bei der sie Auftrittsverbote durchdrücken wollte, hat am Ring viele Fans. Mit ihrer Mischung aus Ska, Punk und Indierock treffen sie viele Geschmäcker und legen am Ring einen tollen Auftritt hin. Der Sound ist gut und wichtig bei den Songs von Feine Sahne Fischfilet ist, dass vor allem die Bläser gut zur Geltung kommen. Zum vorletzten Song ihres Sets „Komplett im Arsch“ gesellt sich kein geringerer Gastsänger als Materia hinzu. Dieser wird nach Feine Sahne Fischfilet auftreten und somit den geplatzten Gig vom Freitag zumindest in großen Teilen nachholen.

Foto: Kirsten Otto

Zu seinem Konzert ist es vor der Bühne brechend voll, der Boden ist nirgends zu sehen. Materia selbst ist gut drauf und freut sich sichtlich über so viel Zuspruch. Obwohl er in nur wenigen Stunden einen regulären Gig bei Rock in Park – dem Schwesternfestival in Nürnberg absolvieren muss, gibt Materia alles. Da sein Auftritt allerdings gegenüber dem üblichen auf eine Stunde reduziert werden muss, ist die Setlist sehr eng gehalten und Stücke von und mit Marsimoto müssen entfallen. Doch der Laune und Dankbarkeit seiner Fans tut das keinen Abbruch. Sie sind froh darüber, dass sie Materia überhaupt zu sehen und noch besser zu hören bekommen. Und Materia selbst? Der lässt sich anstecken und wirkt aufgekratzt, jedoch nie albern oder peinlich. Er verkündet stolz, dass er der einzige Interpret sei, der bei Rock am Ring und Rock im Park an einem Tag spiele. Materia springt bei „Endboss“ mit dem Publikum von Level zu Level, besingt ein „Materia Girl“ oder die „Lila Wolken“. So ein sympathischer und authentischer Auftritt kommt an und für Viele war dies sicherlich der Auftritt des Tages.

Auf der Hauptbühne wird inzwischen wieder gerockt. Mit Airbourne spielen so etwas wie die legitimen Nachfolger von AC/DC. Der Sound ist bewusst ähnlich gehalten und aus Australien stammen sie auch. Sie besitzen eigentlich alles um in der ersten Liga mitzuspielen, doch außer ein paar Achtungserfolge ist ihnen der ganz große Durchbruch bisher verwehrt geblieben.

Foto: Julia Langmaack

Da ist die amerikanische Band Alter Bridge, welche nach Airbourne performen einige Stufen höher auf der Karriereleiter. Das wundert nicht, ist Alter Bridge eigentlich eine Supergroup, die sich aus den Instrumentalisten der inzwischen aufgelösten Band Creed und dem Sänger Myles Kennedy, welcher zuvor in der Band The Mayfield Four spielte. Dieser ist zusätzlich noch Sänger in der Band von Slash, dem Gitarristen von Guns ‚n‘ Roses. Das Geheimrezept von Alter Bridge sind harte und druckvolle Melodien, die aber eingängig bleiben und dazu gesellt sich die weiche Stimme Kennedys. Dieser Mix spricht Frauen und Männer scheinbar nahezu gleich an, so dass die Fanschar gut gemischt ist.

Foto: Kirsten Otto

Nach Alter Bridges Gig geht es mit der nächsten Supergroup weiter. Prophets of Rage setzen sich aus Bandmitgliedern von Rage against the Machine, Cypress Hill und Public Enemy zusammen. Diese haben mit „Unfuck The World“ erst einen eigenen Song. Dies führt dazu, dass die Männer nur aus den Gruppen covern können, aus denen sie auch kommen. Insgesamt werden neun (!) Songs von Rage against the Machine gecovert. Völlig zu Recht geht vor der Volcano Stage deshalb die Post ab und der Ring kocht. Es geht nicht besser? Falsch gedacht. Da die Rage against the Machine-Mitglieder mit dem kürzlich verstorbenen Soundgarden Frontmann und Sänger Chris Cornell ebenfalls eine Supergroup namens Audioslave hatten, covern sie aus dieser Dekade den Song „Like A Stone“. Doch wer singt anstelle von Chris Cornell? Dafür leihen sich Prophets of Rage Serj Tankian aus. Und der Sänger von System of a Down singt diesen Song so gut, dass dieser glatt Cornell bei Soundgarden und Audioslave ersetzen könnte. Es entsteht ein Gänsehautmoment. Für das eindrucksvolle Set, was Lust auf mehr eigene Stücke macht, kann es nur ein druckvolles Lied zum Schluss geben. Den Kracher „Killing in the Name“ singt gefühlt jeder der 87.000 Rock am Ring-Besucher mit. Ganz starker Auftritt von absoluten Vollblut-Musikern, mit denen in Zukunft zu rechnen sein sollte.

Foto: Kirsten Otto

Langsam biegt Rock am Ring 2017 auf die Zielgerade ein. Zuletzt spielen System of a Down auf der Volcano Stage und reißen diese über 31 Songs inklusive Intros die Bühne regelrecht ab. Allerdings fallen zwei Dinge auf. Es ist erstaunlich leer vor der Bühne und wieder – wie tags zuvor – ist der Sound sehr leise. Anders ist es an der Crater Stage. Dort spielen die Jungs aus Köln, die sich Annenmaykantereit nennen. Der Bandname setzt sich aus den drei Nachnamen der Mitglieder zusammen. Hier ist der Sound kräftig und klar und an der Bühne ist es sehr gut gefüllt. Beide Bands, die musikalisch unterschiedlicher nicht sein könnten, meistern aber die Ansprüche, die an einen Headliner gestellt werden mit Bravour.

Foto: Kirsten Otto

Wer bis jetzt noch nicht abgereist ist, der kommt noch in den Genuss zweier Superstars. Niemand Geringeres als Ryan Lewis und Macklemore haben die Ehre Rock am Ring 2017 abzuschließen. Und schon wieder wird ein anderes Genre eingeschlagen. Rap und Hip Hop am Ende eines Rockfestivals? Das passt? Und wie! Den anderen Sound als Rockmusik kann man getrost ignorieren, wenn es die Festivalbesucher trotz allem unterhält. Und das schaffen beide spielend und das auch noch weit nach Mitternacht.

Was bleibt von Rock am Ring 2017? Die Rückkehr an alte Stätte war mit das Beste was dem Festival aber auch den Besuchern passieren konnte. Die Terrorwarnung und somit der Konzertausfall von Rammstein und Co., ist ärgerlich. Schlimmer wäre aber, wenn echter (Personen)Schaden entstanden wäre. Immerhin hat dies dazu geführt, dass die Konzertbesucher auf sich mehr achteten und sich gegenseitig unterstützten. Und die wichtigsten Sachen wurden nie außer Acht gelassen: Die Liebe zur Musik und zum Leben.

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