Rock am Ring – Der Samstag 03.06.17, Nürburgring

Foto: Julia Langmaack

Der Freitag endete mit einem Abbruch und es war völlig unklar, ob, wann und in welchem Umfang Rock am Ring 2017 wieder aufgenommen werden kann. Um kurz vor 11 Uhr, dann die erlösende Nachricht. Die sozialen Kanäle sowie die App des Festivals greifen der offiziellen Pressekonferenz ein wenig vor, das Festival wird wieder aufgenommen. Und sogar die Broilers kehren für einen Gig zurück.

Und das Programm beginnt pünktlich. Mit Lower than Atlants aus Watford in England gibt es einen gelungenen Einstand. Harte Riffs mit ordentlich Druck und Tempo bietet das Post-Hardcore-Quartett und streut dabei häufig das Schimpfwort mit „F“ ein. Balsam für die geschundene Seele, weil am Vortag so viel ins Wasser fiel.

Foto: Kirsten Otto

Im Anschluss daran gehen die Jungs von den Donots auf die Bühne. Diese sind bereits seit 1994 aktiv und aus der deutschen Musiklandschaft eigentlich nicht mehr wegzudenken. Kam der ganz große Durchbruch im Prinzip nie, so können die Männer aus Ibbenbüren in der Nähe von Münster aber auf eine sehr treue Fanbase und auf sehr viel Respekt unter den musikalischen Kollegen bauen. Neben der fast schon hymnenhaftenn Pop-Punk Musik hat vor allem Sänger und Frontmann Ingo Donot noch eine sehr gute Eigenschaft: Dieser äußert sich sehr häufig zur politischen Lage und zeigt Flagge und Haltung. Die authentisch wirkendsten Worte zum Thema Terror aber auch Rechtsradikalismus an diesem Tag stammen von ihm. Musik gibt es von den Donots natürlich auch, sie bieten mit „Keiner kommt hier lebend raus“ zusätzlich einen brandneuen Song, der zudem ihre politische Haltung unterstreicht.

Foto: Kirsten Otto

Danach kommen internationale Stars, die seit ein paar Monaten ein zweites Karrierehoch erleben dürfen: Sum 41. Die kanadische Band bietet Punkrock vom Feinsten und dürfte mit Green Day zu den bekanntesten und am längsten aktivsten Band dieses Genres gehören. Rund eine Stunde lassen die Jungs um Sänger Deryck Whibley kein Zweifel daran, wem die Bühne gehört: Sum 41.

Auf der Crater Stage geht es davor noch deutlich ruhiger zu. Von RIN, der deutschen Rap-Hoffnung über das DJ/Produzenten Duo beweist Rock am Ring 2017 eben eindrucksvoll seine ganze musikalische Spannbreite und zeigt auf, dass es eben längst nicht mehr nur rockt.

Genau den gibt es nach Sum 41 allerdings wieder auf der Volcano Stage. Niemand Geringeres als Wirtz (bekannt aus Sing meinen Song mit Xavier Naidoo), bekommt nahe der Prime-Time die Chance sich auf einer ganz großen Bühne zu beweisen. Und leider will das Feuer nicht so recht zünden. Er scheint den RaR-Besuchern doch noch nicht so bekannt zu sein, wirkt aber selbst auch etwas eingeschüchtert auf der Bühne. Hinzukommt, dass seine Gesangslage recht hoch ist und nicht so recht zu seinem harten druckvollen Sound passen will. Die Musik und Melodien klingen nach Rock, Texte und Stimme eher nach Pop. Dennoch wird Wirtz und seiner Band Respekt und Achtung gezollt, der große Wurf ist der Gig von Wirtz aber nicht.

Foto: Kirsten Otto

Da haben die Broilers aus Düsseldorf ein deutlich leichteres Spiel. Sie können sich den Frust vom Vorabend, weil sie ihren Gig abbrechen mussten, von der Seele spielen und befreit aufspielen. Immerhin dürfen sie erneut für 60 Minuten ran und schaffen stolze zwölf Songs in der Zeit. Dabei versprühen sie sehr viel Spielfreude und Energie, so dass es ansteckend wirkt. Ab hier ist das Feuer wieder bei den Zuschauern entfacht und der Nährboden für einen guten Partyabend gelegt. Positiv fällt vor allem Bassistin Ines Maybaum auf, die einfach noch ein bisschen mehr aus sich herausgeht, grinst und feiert als ihre männlichen Bandkollegen. Erst dabei fällt deutlich auf, dass viel zu wenige Frauen bei Rock am Ring 2017 auf der Bühne stehen.

Jetzt ist das Publikum heiß und freut sich auf die Beatsteaks aus Berlin. Ohne dies genau an irgendetwas festmachen zu können, wirken die Jungs von den Beatsteaks nicht so spritzig, witzig und originell wie gewohnt. Das ist schade, sind sie doch gerade auf Festivals immer noch ein großer Zuschauermagnet. Handwerklich, vom Sound und vom Licht her stimmt aber alles, die größten Hits kommen alle in ihrem Set vor und auch die Coverversionen „Frieda und die Bomben“ von Fu Manchu sowie „Hey Du“ vom Berliner Musical Linie 1 finden in ihrem Set Platz. Manchmal stimmen alle Zutaten und der Kuchen schmeckt auch aber er gelang schon mal besser.

Foto: Kirsten Otto

Während auf der Crafter Stage inzwischen die Beginner bestehend aus Jan Delay, Denyo und DJ Mad die Fans des Hip-Hops beglücken und einen wirklich starken Auftritt hinlegen, richten sich jedoch die meisten Augen auf den ersten richtigen Headliner Die Toten Hosen, die ja quasi Dauergast bei Rock am Ring sind. Pünktlich zu ihrem Auftritt setzt der Regengott ein, Sänger und Frontmann Campino feixt, dass der Wettergott mitspiele. Die Düsseldorfer Band hat ihr neuestes Werk „Laune der Natur“ (VÖ: 05/2017) erst seit wenigen Tagen herausgebracht und trotzdem gibt sich der Ring sehr textsicher und in guter Feierlaune. Die Mitglieder der Toten Hosen lassen es etwas ruhiger angehen als in den vorherigen Auftritten am Ring. Campino klettert nirgendwo hoch, transportiert keine Biere während des Stage Divings oder Crowdsurfings, betont viel mehr die Einigkeit gegen Nazis und Radikalen und lobt das Publikum vom Ring, wie diszipliniert es gestern das Festivalgelände verlassen habe. Neben den sechs neueren Stücken aus dem aktuellen Album birgt die Setlist keine Überraschungen und bietet einen gewohnten Streifzug durch die Diskografie der Punkrocker vom Rhein. Mit „Tagen wie diese“ und „You’ll never walk alone“ erzeugen sie noch einmal Gänsehautstimmung und schüren die Hoffnung, dass die Welt doch noch nicht so schlecht ist, wie es scheint.

Foto: Kirsten Otto

Wenn die Beatsteaks und Die Toten Hosen nur gewöhnliche Auftritte hinlegen, die nicht glänzen aber auch nicht ärgern, kann sich eine Combo den Titel „Band des Abends“ sichern: Kraftklub. Mit ihrem aktuellen Silberling „Keine Nacht für Niemand“ (VÖ: 06/2017) haben auch sie erst wenige Stunden ein neues Werk veröffentlicht. Da ist es eine gute Idee die Setlist ausgeglichen zu gestalten und von den Vorgängeralben je fünf und vom Neuling vier Tracks zu performen. Diese sind etwas poppiger rocken aber immer noch. Schön, dass auch weit nach Mitternacht der Sound auf der Crafter Stage sehr laut sein darf, bei den Toten Hosen war es zuvor deutlich leiser. Dadurch kommt die Spielwut von Kraftklub perfekt zur Geltung und deren Energie kann sich trotz später Stunde und Regen super übertragen. Mit Wortwitz und Ironie leistet das Quartett aus Karl-Marx-Stadt/Chemnitz einen Auftritt nach Maß. Solche Gigs und ein gutes drittes Album stellen eindrucksvoll unter Beweis, dass mit Kraftklub weiterhin zu rechnen ist. Und das in den vorderen Reihen. Bei so einem tollen Abschluss ist die Vorfreude auf Tag 3 groß.

Facebook Kommentare

Kommentare

//]]>