Aus gegebenem Anlass: Heute haben wir leider kein Foto für euch

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Hinter den Kulissen eines jeden Magazins drehen sich viele Zahnrädchen, von denen ihr als Leser zumeist nichts mitbekommt. Das ist gut und richtig so, denn für euch soll ja nur das Endprodukt zählen: Artikel und Fotos und damit der Informationsgehalt. Schließlich ist auch ein Online-Magazin in der Pflicht der Pressearbeit und kein Fanprojekt oder reiner Spaß an der Freude.

In den Medien habt ihr vielleicht mitbekommen, dass im letzten Jahr viele Fotografen auf die Barrikaden gegangen sind, weil Coldplay unzumutbare Verträge vorlegte und Lady Gaga erst gar keine Fotografen zur Tür herein gelassen hat. Die Wellen waren groß, sind aber auch ebenso schnell wieder ruhig geworden. Dass Beyoncé ebenfalls keine Fotografen zugelassen hat, wurde schon gar nicht mehr groß erwähnt.

Wir sind nun auch an dem Punkt, an dem wir leider sagen müssen, dass wir vor einem Vertrag stehen, den wir nicht unterschreiben werden. Es muss einfach Grenzen geben. Within Temptation tourt derzeit groß durch die Welt und wir wollten eigentlich am nächsten Dienstag umfassend über die Show in Köln berichten. Dafür flatterte nun ein Vertrag in die Redaktion, den ich als Fotografin unterschreiben müsste, um meiner Arbeit nachgehen zu dürfen.

Diese Verträge sind zu 99% in englischer Sprache verfasst, womit der Spaß zumeist auch schon beginnt. Juristen Deutsch ist ja schon eine eigene Fremdsprache für sich, Juristen Englisch ist da nicht anders. Im harmlosesten Fall unterschreibt der Fotograf bei so einem Vertrag dass er verstanden hat, dass er nur drei Songs ohne Blitz im Graben fotografieren darf. Genau dort, nirgends sonst und auch nicht im vierten und im fünften Song. Dem Management von Within Temptation ist das allerdings nicht genug. So sollen wir (frei übersetzt) folgende Konditionen anerkennen:

Die Fotos dürfen nur in einem Magazin erscheinen, das selbstverständlich namentlich genau festgehalten ist. In unserem Falle dürften die Fotos dann 12 Monate online genutzt werden, bevor sie offline gehen müssen. Dass das Internet aber eigentlich nichts vergisst, selbst wenn Fotos sichtbar auf der Webseite offline geschaltet wurden, ist eigentlich sofort der erste Vertragsbruch, denn niemand kann garantieren, dass etwas endgültig wieder aus dem Netz verschwindet. Dafür sorgt unter anderem Google.

Außerdem darf der Fotograf ein Foto in seinem Portfolio nutzen. Weitere Nutzung ist ihm verboten. Ja, es geht sogar so weit, dass der Fotograf dafür belangt werden kann, wenn weitere autorisierte UND unautorisierte Fotos von ihm auf anderen Webseiten auftauchen. Das heißt konkret: Werde ich als Fotografin bestohlen, darf das Management mich auch noch belangen weil ja vertraglich klar ist, dass diese Fotos die Webseite nicht verlassen dürfen.

Aber das ist noch nicht genug: Außerdem erhält der Fotograf ein imaginäres Pfund, dessen Erhalt er mit Unterschrift bestätigt – dass die Band das Recht hat, die angefertigten Fotos ohne weitere Lizenzgebühren jederzeit in Hi-Res anfordern kann und für Promozwecke und Veröffentlichungen nutzen darf. Großer Fotopool für minimales Geld – das ist doch ultimativ geschäftstüchtig…. zumindest für den Künstler selbst.

Das große Nachsehen hat allerdings der Fotograf. Er ist seinem Schicksal ausgesetzt, denn in der heutigen Zeit lässt sich weder garantieren, dass das Foto nach 12 Monaten wirklich aus dem Netz verschwunden ist, noch dass die nächstbeste Fanseite sich keinen Spaß daraus macht die kompletten Fotos herunter zu speichern und wieder bei sich hochzuladen. Verdient hat er daran dagegen genau ein Mal und das bei weitem nicht so gut, dass es sich lohnt, potentielle Streitigkeiten in Kauf zu nehmen. An Pressefotografie im Konzertbereich verdient man sich keine goldene Nase mehr und lediglich Zweit- und Drittverwertung der Fotos machen einen realistischen Alltag möglich. Der Konkurrenzdruck ist hoch und ein gutes Foto zumeist leider relativ, denn schließlich liefern die Fans ja auch begeistert ihre Handyschnappschüsse umsonst. Das ist dann zwar weder hochwertig noch in den meisten Fällen in Ansätzen der Bildaufteilung durchdacht, aber es reicht.

Dabei ist ein gutes Foto so viel mehr wert. Und es steckt eine Menge Arbeit und Aufwand hinter jedem guten Foto, was schnell vergessen wird. Equipment, Wissen über Bildaufteilung, das Gefühl dafür in kurzer Zeit die richtigen Emotionen einzufangen, Nachbearbeitung, Schnelligkeit, Geduld und Kreativität – ohne all das, könnten wir für euch nicht das tun, was wir tun. Das trennt die Spreu vom Weizen und das trennt auch das Profi-Foto vom schnellen Handyschnappschuss.

Wir sind in einer Zeit des Umbruchs, an einem Punkt an dem es dringend notwendig wird, dass wir lernen wieder umzudenken. Ein guter Fotograf ist ebenso wertvoll wie ein guter Ton- oder Lichttechniker und ein gutes Foto kann genauso viel erzählen wie ein guter Song. Und ein gutes Foto in der Presse ist so viel mehr wert als gedacht. Selbst die größten Künstler sind trotz allem auf gute Pressearbeit und positive Pressestimmen angewiesen. Verträge wie diese verhindern das aber und sind damit langfristig gesehen kein Fortschritt, sondern hart gesagt ein Schuss ins Knie.

In diesem Sinne bleiben mir nur die Worte der Modelmuttis unserer Welt: Es tut mir leid, aber ich habe heute leider kein Foto für euch.

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